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Amor_Advent_2012

lektionarKommentare zu den Evangelien der Sonntage im Advent und nach Weihnachten, Lesejahr C

Christoph J. Amor

1. Adventsonntag 2012
2. Adventsonntag 2012
3. Adventsonntag 2012
4. Adventsonntag 2012
Sonntag nach Weihnachten 2012

Wozu warten? Eine kleine Adventsmeditation

Erneut ist Advent. Für Christen auf der ganzen Welt ist damit wie jedes Jahr eine Zeit des intensiven Wartens und der Vorbereitung angebrochen.
Manche haben mit dieser angeblich stillsten Zeit im Jahr aber auch ihre liebe Not. Einigen widerstrebt die gleichsam von außen an sie herangetragene Einladung, ja Aufforderung zur Besinnung. Sie empfinden es als eine Bevormundung, denn: Ist es nicht jedem selbst überlassen, ob und wann er bzw. sie innehält und sich besinnt? Anderen wiederum erscheint die Sinnhaftigkeit der adventlichen Vorbereitung auf das Kommen des Herrn, wie es im traditionellen Kirchenjargon heißt, insgesamt fragwürdig und zweifelhaft. Hat man sich denn nicht bereits im letzten Jahr darauf vorbereitet? Genauso wie im Jahr davor? Sollte es nicht endlich einmal vorbei sein mit der ewigen Warterei? Und wozu überhaupt warten? Der, auf den man auch heuer wieder warten soll, ist doch schon längst da, gekommen vor über 2000 Jahren, wie Christen über alle konfessionellen Differenzen hinweg einmütig behaupten und bekennen.
Wie soll man mit diesen Fragen, die sich viele Menschen heute in der einen oder anderen Form stellen, umgehen, wie sie beantworten? Man könnte erstens darauf hinweisen, dass jeder Mensch sich im Laufe seines Lebens und auch im überschaubaren Zeitraum eines Jahres verändert. Leben bedeutet, sich zu wandeln. Nur wer innerlich sozusagen tot ist, kann und will sich nicht mehr ändern. Wenn Gott aber ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist (vgl. Lk 20,38), und wenn diese Lebenden sich bis zu ihrem letzten Atemzug unaufhörlich verändern können, dann will Gott je neu bei ihnen ankommen.
Wenn es stimmt, dass wir – nicht zuletzt aufgrund der inzwischen gemachten Erfahrungen – unsere Mit- und Umwelt sowie uns selbst heuer nicht mehr genauso sehen wie im letzten Jahr, dann ist zweitens auch das Geheimnis von Weihnachten, auf das uns der Advent vorbereiten möchte, für uns stets in neues Licht getaucht. Dass der Sohn Gottes Mensch geworden ist, ist ein derart ungeheuerliches Ereignis, dass wir die alljährliche Gelegenheit im Advent ergreifen sollten, ihm meditierend und denkend nachzuspüren. Wir werden dabei wohl auch dieses Jahr an kein Ende kommen.

Veröffentlichungsnachweis: Tiroler Tageszeitung vom 01.12.2012, S. 43.


Der Weg in die Wüste. Auf der Suche nach Gott

Niemals ist es den Menschen in den Industrienationen materiell besser gegangen als heute. Rund um die Uhr können wir uns nach Herzenslust und solange es die Kreditkarte erlaubt, mit immer neuen Konsumgütern eindecken, getreu dem Motto: „Du bist, was Du hast und Dir leisten kannst.“ Moderne Versandhäuser und die schleichende Aushöhlung der einst heiligen Sonntagsruhe machen’s möglich.
Doch allmählich zeichnet sich ein gegenläufiger Trend ab. Der wahre Luxus besteht für immer mehr Zeitgenossen im bewussten Verzicht, in einer neuen Schlichtheit. Da Ruhe und Zeit zum Aufatmen in unserer hektischen Welt zu äußerst knappen und kostbaren Gütern geworden sind, haben Pilgerwege, Einkehr- und Wüstentage Hochkonjunktur.
Auch im Sonntags-Evangelium ist an prominenter Stelle von der Wüste die Rede: In der Stille der Wüste ergeht das Wort Gottes an Johannes den Täufer (Lk 3,2). Die Wüste ist seit jeher ein besonderer Ort. Ihre überwältigende Schönheit fasziniert, ihre lebensfeindliche Kargheit erschreckt den Menschen. Im scheinbar endlosen Meer aus Sand wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen und erfährt mitunter schmerzhaft seine eigene Endlichkeit und Bedürftigkeit.
In der Stille und fern der tausend Ablenkungen des Alltags ist man sensibler und empfänglicher für Gott. Gottes Wort überfällt uns nicht dröhnend und laut, sondern klingt still und leise in unserem Herzen. Um es hören zu können, müssen wir uns – wie einst Johannes – unserer eigenen Wüste stellen. Gestärkt durch diese Erfahrung wird Johannes zur mahnenden Stimme in der Wüste: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! […] Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.“ (Lk 3,4-5)
Diese Aufforderung irritiert. Wozu die Mühe, fragen sich vielleicht manche. Wenn Gott allmächtig ist, wird er doch auch auf unebenen Wegen zu mir gelangen können. Das ist wohl wahr. Gott kann auch auf den krummen Zeilen unseres Lebens gerade schreiben. Doch Gott will uns nicht mit seiner Nähe und Gemeinschaft zwangsbeglücken. Daher ermutigt und befähigt er uns, uns aufzumachen und ihm entgegenzugehen. Denn Gott, der dich ohne dich (ohne dein Mittun) geschaffen hat, erlöst dich nicht ohne dich. (Augustinus)

Veröffentlichungsnachweis: Tiroler Tageszeitung vom 7.12. 2012, S. 51.


Haben wir wirklich Grund zur Freude?

Mit dem dritten Adventsonntag hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Er gilt seit alters her als der sog. Gaudete-Sonntag. „Freut euch“, ruft uns die Kirche an diesem Sonntag zu. Doch haben wir wirklich Grund zur Freude? Ist es überhaupt angebracht, sich mitten im Advent zu freuen, der, wenn wir ihn ernst nehmen, einen bisweilen unangenehmen Besinnungs- und Umkehr-Prozess bei uns anstoßen möchte?
Auch das Sonntagsevangelium gibt nicht unbedingt Anlass zur Freude. Mit eindringlichen Worten und drastischen Bildern fordert Johannes der Täufer die Menschen zur Umkehr auf. Wer nicht Frucht bringt und sich bekehrt, wird wie Spreu „in neu erlöschendem Feuer verbrennen“ (Lk 3,7). Auch Jesus ruft die Menschen zur Umkehr auf. Doch im Zentrum seiner Verkündigung steht nicht eine Droh-, sondern die Frohbotschaft vom nahe gekommenen Gottesreich. Der barmherzige Vater, den Jesus den Menschen nahebringen will, ist kein weichgespülter „Kuschelgott“. Jesus setzt aber andere Akzente als der Täufer. Im Vordergrund steht bei Jesus der Zuspruch, nicht der Anspruch. Nicht die Furcht vor Strafe, sondern aufrichtige Gottesliebe soll die Menschen dazu motivieren, vom Bösen zu lassen und das Gute zu tun. Kurzum: Wir sollen uns nicht deswegen bekehren, um so für Gott überhaupt erst liebenswürdig zu werden, sondern umgekehrt: Weil Gott uns immer schon liebt, können wir uns – im Vertrauen darauf und aus der Kraft dieser Gewissheit – ändern.
Bereits im Alltag machen wir die Erfahrung, dass es uns leichter fällt, Schuld einzugestehen, wenn wir nicht befürchten müssen, dadurch die Anerkennung bzw. Zuneigung unserer Mitmenschen zu verlieren. In einem Umfeld, in dem man sich sprichwörtlich keine Blöße leisten darf, müssen Fehler und Unzulänglichkeiten verdrängt oder schöngeredet werden. Demgegenüber möchte uns die Adventszeit dazu ermutigen, uns unseren Schwächen und dunklen Seiten aufrichtig zu stellen, denn nur was eingestanden und angenommen ist, kann auch verwandelt werden.
Dies alles wohlgemerkt im Licht der atemberaubenden Zusage, dass Gottes Zuwendung all unserem Tun vorausgeht. Die Vorstellung, dass Gott den Menschen wie eine Mutter ihr Neugeborenes vom ersten Augenblick seiner Existenz an und ohne jede Vorleistung liebevoll anblickt, ist wahrlich tröstlich und Grund zur Freude.

Veröffentlichungsnachweis: Tiroler Tageszeitung vom 15.12.2012, S. 43.


Warum wollte Gott Mensch werden?

Gut Ding braucht gut Weile. Und tatsächlich ist der Gedanke, den uns das Christentum zu Weihnachten „zumutet“, derart gewaltig, dass die Kirche eine mehrwöchige Zeit der Vorbereitung auf dieses Fest für erforderlich erachtet.
Dass Gottes Sohn Mensch geworden ist, diese Behauptung hat die Menschen seit jeher herausgefordert und provoziert. Was sollte den Schöpfer des Himmels und der Erde dazu motivieren, das Leben eines sterblichen Menschen zu führen?
Um uns durch das Opfer seines Sohnes von unseren Sünden zu erlösen, hätte ein prominenter Strang der christlichen Tradition geantwortet. Diese Antwort ist heute jedoch vielen unverständlich geworden, nicht zuletzt deswegen, da sie nahe zu legen scheint, Gott müsse durch ein blutiges Opfer besänftigt und milde gestimmt werden.
Es empfiehlt sich daher, eine zweite Antwort auf die Frage nach Motiv und Grund der Menschwerdung Gottes zu bedenken, die der berühmte dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard in einer Erzählung meisterhaft veranschaulicht hat. Gott ist nach dieser zweiten Antwort in Jesus von Nazareth Mensch geworden, weil er um unsere Liebe werben und uns zu Mitliebenden machen wollte.
Kierkegaard erläutert dies anhand einer Begebenheit, die einer x-beliebigen Hochglanzillustrierten unserer Tage entnommen sein könnte. Ein äußerst einflussreicher und vermögender Mann verliebt sich in eine Frau aus ärmsten Verhältnissen. Tag und Nacht zerbricht er sich den Kopf darüber, wie er am besten ihre Liebe gewinnen könnte. Ihn plagt dabei die Furcht, dass die Zuneigung seiner Angebeteten weniger ihm als vielmehr seinem Reichtum und dem durch die Liaison ermöglichten gesellschaftlichen Aufstieg gelten könnte. Um wirklich sicher zu gehen, dass sie ihn aufrichtig und um seiner selbst willen liebt, sieht der Mann keinen anderen Ausweg, als sein luxuriöses Leben aufzugeben, sich von seinen Gütern zu trennen und fortan ein sehr bescheidenes Leben zu führen.
Wird die Frau dem inzwischen weitgehend mittellos Gewordenen ihr Herz schenken? Es bleibt zu hoffen. Ähnlich hofft auch Gott, dass wir, indem er einer von uns wird und sich all seiner Herrlichkeit und Macht entäußert, uns ihm öffnen. Denn alle Macht der Welt kann die Tür eines Herzens nicht aufschließen. Die Tür zu unserem Herzen muss von innen geöffnet werden.

Veröffentlichungsnachweis: Tiroler Tageszeitung vom 22.12.2012, S. 41.


Wenn das Vertraute fremd wird…

Im Evangelium der letzen Woche über den Besuch Marias bei Elisabeth war Jesus noch gar nicht geboren. Das heutige Sonntagsevangelium zeigt uns Jesus bereits als selbstbewussten Teenager. Was die Leseordnung durch die unvermittelte Abfolge der zwei Texte nahe legt, kennen viele Eltern nur zu gut: Die Zeit verfliegt und schneller als einem lieb ist, sind die Kinder herangewachsen und wollen auf eigenen Beinen stehen.
Ebenso wie andere Gleichaltrige muss auch Jesus den Schritt zum Erwachsensein vollziehen. Jesus hat sich dabei nicht nur von seinen Eltern abzunabeln. Er muss zugleich die Beziehung zu seinem himmlischen Vater vertiefen. Er muss seine Sendung finden und klären, in seine Aufgabe hineinwachsen. Anders formuliert: Er muss auch als Mensch in seiner begrenzten Zeit auf Erden immer deutlicher verwirklichen, was er als Sohn Gottes von Ewigkeit her ist, nämlich Inbegriff und unüberbietbarer Ausdruck der Zuwendung Gottes zur Welt und zu den Menschen.
Da Jesus wahrhaft Mensch ist, macht er wie alle Menschen eine Entwicklung durch. Er „wuchs heran und seine Weisheit nahm zu“ (Lk 2,52), heißt es im Evangelium. Insofern Jesus aber, wie Christen bekennen, der Sohn Gottes ist, lebt und handelt er aus einer innigen Verbundenheit und Gemeinschaft mit jenem Gott, den er Vater nennt. Daher irritiert und fasziniert Jesus bereits in jungen Jahren die Menschen. Alle, die den gerade einmal Zwölfjährigen im Tempel hören, „waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten“ (Lk 2,47).
In dieses Staunen mischt sich aber zum Teil Unverständnis und Unbehagen. Sogar Josef und Maria machen die schmerzhafte Erfahrung, dass sie Jesus nicht immer folgen bzw. verstehen können (vgl. Lk 2,50). Doch vielleicht muss(te) dies so sein. Wenn in Jesus der unendliche Gott ein menschliches Antlitz angenommen hat, sollten wir uns von der Illusion verabschieden, ihn völlig durchschauen oder gar begreifen zu können. Gott ist und bleibt der je Größere. Dieser Ausblick auf Gott, der alles menschliche Denken weit übersteigt, möge uns ins neue Jahr begleiten. Ein Jahr, in dem wir erneut einüben können, mit diesem uns unaufdringlich umgebenden göttlichen Geheimnis zu leben. Glauben bedeutet nämlich, mit der Unbegreiflichkeit des uns liebenden Gottes leben zu lernen.

Veröffentlichungsnachweis: Tiroler Tageszeitung vom 29.12.2012, S. 45.

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